Raus aus Istanbul klingt einfacher, als es ist.
Nach zwei Nächten mitten in der Altstadt, auf unserem Parkplatz hinter der Blauen Moschee, fühlen wir uns fast schon routiniert.
Beim Losfahren sagen wir noch, wie unkompliziert eigentlich alles war. Parkplatz direkt hinter der Blauen Moschee. Istanbul mit dem Camper? Erstaunlich machbar.
Und dann verfahren wir uns natürlich.
Statt elegant aus der Stadt zu gleiten, bekommen wir noch eine kleine Zusatzportion Istanbuler Verkehr: viele Spuren, viel Hupen und sehr viele Fahrzeuge, die offenbar alle gleichzeitig irgendwo sehr dringend hinmüssen. Istanbul lässt einen nicht einfach so gehen. Die Stadt hält einen noch einmal kurz fest, schiebt einen in die falsche Spur, wirft ein paar Abzweigungen hinterher und prüft, ob man wirklich bereit ist für den Osten.
Irgendwann treffen wir dann endlich den Eingang zum Avrasya Tüneli, dem Eurasien-Tunnel. Er führt unter dem Bosporus hindurch und verbindet die europäische mit der asiatischen Seite Istanbuls.
Für uns heißt das vor allem: einmal kurz unter Wasser durch.
Und dann sind wir endgültig auf der asiatischen Seite der Türkei.
Ab da läuft die Navigation wieder leichter. Istanbul liegt hinter uns, vor uns wird die Straße länger, weiter und ruhiger. Die Stadt verschwindet langsam im Rückspiegel, und mit ihr auch dieses Gefühl, ständig gleichzeitig schauen, reagieren, bremsen und hoffen zu müssen.
Wir fahren immer weiter Richtung Osten.
Ankara lassen wir links liegen. Auch das wäre sicher einen Stopp wert, aber heute zählt Strecke.
Am Ende schaffen wir es bis nach Çorum.
Als einzige Gäste haben wir auf dem netten Campingplatz ziemlich viel Platz.
Am Abend wird die Matte ausgepackt und eine kleine Sporteinheit eingelegt. Nach einem langen Fahrtag ist Sport weniger Fitnessprogramm als Reset-Knopf. Die Beine müssen wieder bewegt werden, der Kopf auch. Angelika bekommt von Dominik eine Einführung in die hohe Kunst der Kettlebell Swings.
Sagen wir so: Es gibt Verbesserungspotenzial.
Aber auch Einsatz.
Danach folgt eine kleine Kochsession im Bus. Wer im Camper kocht, lernt schnell: Der Platz ist nicht klein, er ist präzise. Jeder geöffnete Schrank, jeder Topf und jede Bewegung braucht Timing. Wenn einer einen Schrank öffnet, sollte der andere möglichst gerade keinen Kopf, Fuß oder sonstigen Körperteil im Weg haben.
Vanlife besteht eben nicht nur aus Sonnenuntergang und Kaffee aus Emailletassen.
Manchmal ist es auch Nudeln kochen im Tetris-Modus.
Die Nacht ist gut, der Morgen danach gewohnt langsam und gemütlich. Noch läuft nicht alles reibungslos, aber zumindest wissen wir immer öfter, wer gerade wo besser nicht stehen sollte.
Heute wartet wieder ein langer Fahrtag.
Weiter Richtung Schwarzmeerküste, weiter Richtung Georgien, weiter Richtung Osten.
Unterwegs gibt es Simit direkt ans Autofenster. Ein Mann verkauft die türkischen Sesamkringel an der Straße, quasi Lieferservice an der Ampel. Das System ist einfach: Fenster runter, Simit nehmen, schnell genug verstehen, wie viel er dafür will, bezahlen, bevor die Ampel auf Grün schaltet.
Wir fahren weiter, fast bis zur georgischen Grenze, in Richtung Rize. Nach Istanbul, Tunnel, Autobahn, Campingplatz und langen Straßen taucht langsam wieder dieses Gefühl auf: Gleich kommt das nächste Land. Die nächste Grenze. Die nächste kleine Unsicherheit.
Aber erst einmal brauchen wir einen Platz für die Nacht.
Auf iOverlander lesen wir, dass einige Rezensenten den angegebenen Campingplatz nicht gefunden haben. Wir lachen noch. Wie schwer kann das schon sein? Wir haben schließlich Koordinaten.
Bis es uns dann genauso geht.
Kein Platz in Sicht. Keine klare Einfahrt. Kein Schild, das irgendeine eindeutige Antwort gibt. Und nach einem langen Fahrtag haben wir beide keine große Lust mehr auf eine ausgedehnte Stellplatzsuche.
Also gehen wir in ein Restaurant und fragen, ob sie den Campingplatz kennen.
„Camping closed, but stay here“, sagt der freundliche Besitzer und legt dabei eine Hand aufs Herz.
Bevor wir richtig antworten können, steht schon ein dampfender Tee vor uns.
Man kann viel über Gastfreundschaft lesen. Man kann davon hören, sie erwarten, sie romantisieren. Und dann steht man irgendwo nahe der georgischen Grenze, müde von einem langen Fahrtag, leicht genervt von nicht vorhandenen Koordinaten und jemand stellt einem einfach Tee hin und sagt: Bleibt hier.
Das ist dann keine Theorie mehr.
Das kleine Restaurant ist liebevoll eingerichtet, warm, gemütlich. Eigentlich wollten wir nur nach dem Weg fragen. Stattdessen entscheiden wir, den Gaskocher kalt zu lassen und die türkischen Spezialitäten zu probieren.
Es gibt frisch zubereitetes Essen: Mantı, kleine türkische Teigtaschen mit Joghurtsauce, und eine Art Köfte im Teig. Wir sind nicht ganz sicher, wie das Gericht genau heißt, aber wir sind uns sehr sicher: Es schmeckt.
Nach zwei langen Fahrtagen, Istanbul im Rücken und Georgien fast vor der Nase, ist genau das der richtige Abschluss.
Satt und zufrieden gehen wir schlafen.
Manchmal findet man den gesuchten Campingplatz nicht.
Und manchmal ist genau das der Grund, warum man am Ende den besseren Platz findet.


