Der Anfang eines großen Abenteuers

Manche Reisen entstehen spontan. Andere wachsen über Jahre. Unsere stellt eine Mischung aus beidem dar. Die Idee, über die Seidenstraße bis nach China zu fahren, ist ein lang gehegter Traum von uns. Aber Träume brauchen oftmals einen Moment, in dem sie aufhören, Träume zu sein. Bei uns war es in Island. Irgendwo zwischen Vulkanen, Gletschern und den Weiten der Highlands wurde das Feuer wieder entfacht und die grobe Idee für eine längere Reise war geboren. Aus zwei Monaten wurden schnell sechs und dann, warum eigentlich nicht gleich ein ganzes Jahr? Dieser Gedanke war anfangs fast zu groß, um ihn laut auszusprechen. Ein Jahr unterwegs. Mit dem eigenen Auto. Von Europa aus Richtung Osten, entlang alter Handelsrouten, durch Länder, deren Namen schon nach Ferne klingen. Türkei, Georgien, Zentralasien, die Pamir-Region und vielleicht weiter bis nach China. Es klang nach Abenteuer, nach Freiheit, nach Staub auf den Schuhen und Kaffee irgendwo im Nirgendwo. Und gleichzeitig klang es nach sehr vielen offenen Fragen. Denn so romantisch eine solche Reise auf Bildern aussieht: Bevor man losfährt, muss man erst einmal das eigene Leben in Kisten packen. Jobs organisieren. Die Wohnung übergeben. Versicherungen prüfen. Visa recherchieren. Routen planen, wieder verwerfen und neu planen. Impfungen, Dokumente, Ersatzteile, Grenzbestimmungen, Reisepässe, Auslandskrankenversicherung. Und natürlich die Frage, was man wirklich braucht, wenn das eigene Zuhause plötzlich auf vier Rädern steht. Unser Zuhause für diese Reise ist Goatie, unser VW T6. Robust, vertraut und inzwischen deutlich mehr als nur ein Auto. Den Innenausbau haben wir nicht selbst gebaut, aber in den letzten Monaten Stück für Stück an uns angepasst. Aus einem fertigen Konzept wurde unser kleines rollendes Zuhause: praktischer, persönlicher und hoffentlich bereit für ein Jahr zwischen Asphalt, Schotter, Sand, Bergen und Grenzen. Es gab Listen. Sehr viele Listen. Dinge, die wir kaufen mussten. Dinge, die wir nicht vergessen durften. Dinge, von denen wir dachten, dass wir sie brauchen. Und Dinge, die am Ende vermutlich trotzdem völlig überflüssig sein werden. Küchenutensilien, Werkzeug, Ersatzteile, Medikamente, Wasserfilter, Wäscheleine, Sandbleche, Kabel, Gewürze, Dokumentenkopien. Irgendwann bestand unser Alltag aus Stapeln, Boxen und der wiederkehrenden Frage: „Wo soll das bitte noch hin?“ Zwischen all der Vorbereitung gab es immer wieder Momente, in denen die Reise plötzlich real wurde. Nicht beim Buchen einer Versicherung oder beim Sortieren von Schrauben, sondern in den kleinen Zwischenräumen. Beim letzten Treffen mit Freunden. Beim Kündigen und Übergeben der Wohnung. Beim Blick auf die Landkarte. Beim Satz: „In ein paar Wochen sind wir nicht mehr hier.“ Und dann kam er, dieser letzte Morgen. Wohnungsübergabe. Ein letzter Rundgang durch leere Räume. Abschiede, die sich noch gar nicht richtig nach Abschied anfühlen wollten. Alles war gleichzeitig surreal und ganz konkret. Der Traum, über den wir so lange gesprochen hatten, stand plötzlich nicht mehr irgendwo in der Zukunft. Er stand gepackt vor der Tür. Also stiegen wir ein. Ungarn oder Slowenien? Noch keine Ahnung. Für eine Reise bis nach China war die erste Entscheidung erstaunlich klein. Aber vielleicht beginnt genau so ein großes Abenteuer: nicht mit der perfekten Route, sondern mit dem ersten Losfahren. Motor an. Blick nach vorne. Goatie rollt. Das Abenteuer beginnt.
