Vorbei an Belgrad, rein in die Ruhe

Manasija Monastery, Serbia

Der Morgen in Zasavica beginnt langsam. Frühstück im Bus, Kaffee, ein bisschen Ordnung machen. Nach den ersten Tagen unterwegs ist die neue Routine noch keine richtige Routine, eher ein tägliches Neuverhandeln. Wo ist der Kaffee? Wo sind die Haferflocken? Und die kleinen Löffel? Warum liegt das Ladekabel schon wieder nicht dort, wo es gestern noch ganz sicher war? Bevor es weitergeht, fahren wir noch einkaufen. Vorräte auffüllen, Kühlschrank sortieren, Wasser checken. Kleine Dinge, die früher nebenbei passiert sind, bekommen unterwegs plötzlich mehr Gewicht. Einkaufen ist nicht nur Einkaufen. Es ist Planung für die nächsten Tage, für unbekannte Schlafplätze, für lange Strecken und für den Fall, dass der nächste Laden doch nicht ganz das hat, was man sich vorgestellt hatte.   Eigentlich wollten wir in Belgrad stehen bleiben. Ein bisschen Hauptstadt, ein bisschen Stadtleben, vielleicht Kaffee, vielleicht Altstadt, vielleicht Donau. Aber als wir näherkommen, merken wir schnell: Heute zieht es uns nicht in den Trubel. Manchmal entscheidet nicht der Reiseführer, sondern das Bauchgefühl. Also fahren wir vorbei an Belgrad.   Unser Ziel wird das Kloster Manasija.   Schon von außen wirkt Manasija weniger wie ein stilles Kloster, sondern eher wie eine Festung. Massive Mauern, hohe Türme, ein geschützter Innenhof. Ein Ort, der nicht nur gebaut wurde, um schön zu sein, sondern um zu bestehen. Gegründet wurde das Kloster Anfang des 15. Jahrhunderts von Despot Stefan Lazarević. Es war Kloster, Schutzraum und geistiges Zentrum zugleich. Ein Ort, an dem gebetet, geschrieben und bewahrt wurde. Vielleicht spürt man genau das noch heute. Diese Mischung aus Wehrhaftigkeit und Stille.  Direkt im Innenhof wirkt Manasija ruhig und schön. Ein Kloster eben, mit Kirche, Mauern, Steinen, Schatten. Beeindruckend, ja, aber die eigentliche Wirkung entfaltet sich erst von oben. Also schicken wir die Drohne hoch.   Und plötzlich versteht man den Ort besser. Von oben sieht man die gewaltige Form der Anlage, die Mauern, die Türme, den geschlossenen Innenraum, eingebettet in die grüne Landschaft. Aus der Perspektive wird klar, warum Manasija nicht nur ein religiöser Ort war, sondern auch Schutzraum.  Manchmal braucht es eben Abstand, um einen Ort richtig zu sehen. Danach fahren wir weiter zum Camp Plum. Ein kleiner Stellplatz in der Nähe der Autobahn. Nichts spektakuläres, keine dramatische Aussicht, sondern etwas, das unterwegs mindestens genauso wertvoll ist: unkomplizierte Gastfreundschaft. Ein sehr netter Eigentümer, ein paar Euro, ein ruhiger Platz für die Nacht. Fertig. Manchmal braucht es nicht mehr. Keine große Verhandlung, kein Formular, kein Campingplatztheater. Einfach ankommen, freundlich empfangen werden, Goatie abstellen, schlafen. Nach Tagen des Losfahrens, Sortierens und Weiterkommens ist genau das Luxus. Am nächsten Morgen geht es bei weiterhin strahlendem Sonnenschein weiter Richtung Bulgarien. Zurück in die EU. Wir fahren vorbei an Niš, obwohl die Stadt sicher einiges zu bieten hätte. Aber heute sind wir wieder im Weiterfahrmodus. Und das ist eine der ersten Lektionen einer längeren Reise: Nicht jeder interessante Ort kann ein Stopp werden. So einfach das klingt, so schwer ist es manchmal. Überall gibt es Geschichte, Landschaft, Städte, Bauten, Märkte, Menschen, Abzweigungen. Wenn man jedem Impuls folgt, kommt man nie weiter. Wenn man an allem vorbeifährt, verpasst man zu viel. Dazwischen liegt diese seltsame Kunst des Reisens: auswählen, ohne ständig das Gefühl zu haben, etwas falsch zu machen. An der Grenze läuft alles unkompliziert. Die serbischen Grenzbeamten sind nett, so nett Grenzbeamte eben sein können. Auf bulgarischer Seite wartet ein etwas grimmiger Zöllner. Aber immerhin keine Fragen zu Axt, Waffen oder sonstigen Überraschungen im Bus.   Dann sind wir in Bulgarien. Unser Ziel ist Plovdiv. Die Stadt gilt als eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte Europas. Schon lange vor den Römern lebten hier Menschen. Später wurde Plovdiv als Philippopolis Teil des Römischen Reichs. Heute liegen zwischen Altstadtgassen, bunten Häusern und Cafés immer wieder antike Spuren offen herum. So nehmen wir also ein Taxi in die Altstadt und laufen los. Durch alte Gassen, vorbei an Häusern mit vorspringenden Obergeschossen, über Kopfsteinpflaster, das etwas Vorsicht beim Laufen verlangt. Irgendwann stehen wir im Römischen Theater. Es stammt aus dem 1. Jahrhundert und gehört zu den bekanntesten antiken Bauwerken Bulgariens. Und wie so oft an solchen Orten ist es nicht nur das Bauwerk selbst, das beeindruckt, sondern der Gedanke daran, wie viele Menschen hier vor uns gesessen, geschaut, gesprochen, gelacht oder geschwiegen haben. Plovdiv wirkt dabei nicht wie ein Ort, der sich nur über seine Vergangenheit definiert. Die Stadt lebt. Es gibt Cafés, Restaurants, Straßenmusik, junge Menschen, alte Steine, moderne Schilder, bröckelnde Fassaden und schöne Details an jeder Ecke. Eine Stadt, in der man nicht alles verstehen muss, um sich gern treiben zu lassen. Den Abend lassen wir bei gutem Essen ausklingen. Wir hatten Belgrad ausgelassen und trotzdem nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Vielleicht war genau das die eigentliche Lektion dieses Abschnitts. Nicht jeder große Name auf der Karte muss automatisch ein Ziel sein. Manchmal liegt die bessere Geschichte nicht dort, wo die Buchstaben am größten sind, sondern an einem ruhigen Kloster, auf einem einfachen Campingplatz oder in einer Stadt, die ihre Geschichte einfach mitten im Alltag stehen lässt. Die Reise wird dadurch nicht kleiner. Nur individueller.

Die ersten Kilometer: Von Feldkirch bis nach Serbien

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Die ersten Kilometer einer langen Reise sind seltsam. Man plant monatelang, packt, organisiert, verabschiedet sich, überlegt Routen, Versicherungen, Visa und Ersatzteile. Und dann sitzt man tatsächlich im Auto, das Navi läuft, irgendwo klappert noch eine Box, und die erste große Entscheidung lautet nicht China, Pamir oder Seidenstraße, sondern: Ungarn oder Slowenien? Wir entschieden uns für Slowenien. Nach der Wohnungsübergabe in Feldkirch, einem letzten Abschied und diesem eigenartigen Gefühl, dass jetzt wirklich nichts mehr zwischen uns und der Reise stand, rollte Goatie los. Vollgepackt, vielleicht ein bisschen zu voll, aber bereit. Oder zumindest so bereit, wie man eben sein kann, wenn man für ein Jahr unterwegs sein will und trotzdem schon nach wenigen Kilometern nicht mehr genau weiß, wo eigentlich der Kaffee liegt. Bled war unser erstes Ziel. Noch nicht weit weg, noch nicht fremd, noch nicht abenteuerlich im klassischen Sinn. Aber genau richtig für den Anfang. Eine Nacht am See, Berge im Hintergrund, ein Ort, der fast zu schön ist, um ihn einfach nur als ersten Zwischenstopp abzuhaken. Der erste richtige Morgen im Bus beginnt überraschend geordnet. Zumindest für unsere Verhältnisse. Angelika nutzt die frühe Ruhe am Bleder See für eine Joggingrunde, während Dominik den Gaskocher testet und Frühstück vorbereitet. Noch ist alles neu: jeder Handgriff, jedes Fach, jede kleine Routine. Wie war das nochmal genau mit dem Bett und wie können wir den Topper bestmöglich zusammenrollen und verstauen? Sogar die Suche nach Ladekabeln und Haferflocken fühlt sich nach Abenteuer an. Es gibt dampfendes Porige, Brötchen mit „Gsälz“ für die schwäbische Hälfte und duftenden Kaffee. Ein Frühstück, das im Bus nicht unbedingt schneller geht als zu Hause – eher im Gegenteil. Bett machen, Kocher aufbauen, Wasser heiß machen, abwaschen, wieder alles verstauen: Im Van dauert alles ein bisschen länger. Noch finden wir das amüsant. Vielleicht, weil wir gerade erst losgefahren sind. Vielleicht auch, weil wir ein Jahr Zeit haben oder uns die Entschleunigung einfach gut tut. Weiter Richtung Osten Nach dem Frühstück starten wir den Motor und fahren weiter durch Slowenien. Die Landschaft ist bergig, saftig grün und eigentlich viel zu schön, um nur durchzufahren. Immer wieder tauchen Orte auf, bei denen man denkt: Hier könnten wir auch bleiben. Aber für den Anfang unserer Reise haben wir uns ein klares Ziel gesetzt: Strecke machen bis nach Georgien. Europa hat unglaublich viel zu bieten. Gleichzeitig ist es für uns vergleichsweise leicht zu bereisen. Deshalb brechen wir hier ausnahmsweise mit einer unserer wichtigsten Reiseregeln: nichts auf „später“ verschieben. In diesem Fall tun wir es trotzdem und verschieben einen längeren Aufenthalt in Slowenien und Kroatien auf nach der Reise. Vor der kroatischen Grenze halten wir noch kurz an und füllen den Diesel aus unserem Reservekanister in den Tank. Auch wenn innerhalb der EU keine großen Kontrollen zu erwarten sind, wollen wir keine unnötigen Diskussionen riskieren. Lieber ein paar Minuten Aufwand als später ein Problem an der Grenze. Zwischenstopp in Vukovar Vukovar liegt ruhig an der Donau, aber es ist keiner dieser Orte, durch die man einfach fährt und nur denkt: hübsche Stadt, netter Platz, weiter. Die Geschichte ist hier sichtbar. Nicht aufdringlich, aber präsent. Der zerbombte Wasserturm steht über der Stadt wie ein Mahnmal, beschossene Häuser erinnern daran, dass Krieg hier nicht abstrakt war, sondern in Fassaden, Straßen und Biografien eingeschrieben ist. Der Wasserturm von Vukovar wurde während der Schlacht um die Stadt mehr als 600-mal getroffen. Heute steht er restauriert da, aber nicht glatt saniert. Die Einschusslöcher sind geblieben. Und genau das ist der Punkt. Vukovar, 1991: 87 Tage Belagerung. Tag und Nacht Beschuss. Eine Stadt, die Stück für Stück in Schutt gelegt wurde — und deren Verteidiger sich dennoch wochenlang hielten. Viele waren Zivilisten, Polizisten und schlecht ausgerüstete kroatische Kämpfer. Waffen gab es zu wenig. Willen nicht. Was nach dem Fall der Stadt in Ovčara geschah, gehört zu den dunkelsten Kapiteln Europas der letzten Jahrzehnte. Nach dem Fall der Stadt wurden mehr als 200 Menschen aus dem Krankenhaus von Vukovar verschleppt und in Ovčara ermordet. Heute ist Vukovar eine Stadt, die sich erinnert – laut, bewusst, ungeschönt. Der Wasserturm ist ihr sichtbarstes Symbol. Aber auch viele Häuser tragen noch Spuren des Krieges. Einschusslöcher in Fassaden. Verlassene Gebäude. Narben, die nicht ganz verschwunden sind. Hier wird Geschichte nicht weggeputzt. Sie wird getragen. Als Mahnmal. Und als leise Frage, wie viel Erinnerung wir brauchen, bevor wir wirklich lernen. Gleichzeitig war der 1. Mai. In der Innenstadt war Feststimmung. Menschen saßen zusammen, es wurde gegessen, geredet, gefeiert. Zwischen Wasserturm, Donau und Häusern mit Einschusslöchern standen Stände mit Essen, Musik und Alltag. Dieser Kontrast war zuerst schwer einzuordnen. Auf der einen Seite die sichtbaren Zeichen der Zerstörung, auf der anderen Seite ein Feiertag, ein Stadtfest, Leben. Wir kauften am ersten Stand eine Wurst und einen Fisch. Zusammen 16 Euro. Das Ergebnis war, vorsichtig formuliert, überschaubar. Am Ende fühlte es sich an, als hätten wir 16 Euro für vier Scheiben Brot bezahlt. Auch das gehört vermutlich zum Reisen: Wir lernen, dass wir nicht gleich die erste Essgelegenheit nutzen sollten. Trotzdem gingen wir nicht bedrückt aus Vukovar heraus. Nachdenklich, ja. Ruhig auch. Aber nicht hoffnungslos. Vielleicht gerade wegen dieses Kontrasts. Weil zwischen den Spuren des Krieges Menschen standen, die ihren freien Tag verbrachten. Weil eine Stadt, die so viel Zerstörung erlebt hat, nicht nur als Ort der Vergangenheit existiert, sondern weiterlebt. Für uns war Vukovar der erste Moment dieser Reise, der mehr war als Route, Stellplatz und schöne Aussicht. Ein Ort, der hängen blieb. Von dort fuhren wir weiter Richtung serbische Grenze bei Šid. Unsere erste EU-Außengrenze (nach der Schweiz) auf dieser Reise. Die Passkontrolle war unkompliziert. Dann warf der Zöllner einen Blick in den Bus und entdeckte unsere Axt. Eine Axt ist auf so einer Reise ein ziemlich praktisches Werkzeug. Für Holz, für Camping, für Situationen, die man sich vorher lieber nicht zu genau ausmalt. An der Grenze wirkt sie allerdings weniger nach Outdoor-Romantik und mehr nach Gesprächsbedarf. Der Zöllner schaute Dominik an und fragte, ob wir außer dieser Axt noch weitere Waffen dabeihätten. Nein. Er fragte noch einmal. Nein. Und dann ein drittes Mal.