Die ersten Kilometer: Von Feldkirch bis nach Serbien

Die ersten Kilometer einer langen Reise sind seltsam. Man plant monatelang, packt, organisiert, verabschiedet sich, überlegt Routen, Versicherungen, Visa und Ersatzteile. Und dann sitzt man tatsächlich im Auto, das Navi läuft, irgendwo klappert noch eine Box, und die erste große Entscheidung lautet nicht China, Pamir oder Seidenstraße, sondern: Ungarn oder Slowenien? Wir entschieden uns für Slowenien. Nach der Wohnungsübergabe in Feldkirch, einem letzten Abschied und diesem eigenartigen Gefühl, dass jetzt wirklich nichts mehr zwischen uns und der Reise stand, rollte Goatie los. Vollgepackt, vielleicht ein bisschen zu voll, aber bereit. Oder zumindest so bereit, wie man eben sein kann, wenn man für ein Jahr unterwegs sein will und trotzdem schon nach wenigen Kilometern nicht mehr genau weiß, wo eigentlich der Kaffee liegt. Bled war unser erstes Ziel. Noch nicht weit weg, noch nicht fremd, noch nicht abenteuerlich im klassischen Sinn. Aber genau richtig für den Anfang. Eine Nacht am See, Berge im Hintergrund, ein Ort, der fast zu schön ist, um ihn einfach nur als ersten Zwischenstopp abzuhaken. Der erste richtige Morgen im Bus beginnt überraschend geordnet. Zumindest für unsere Verhältnisse. Angelika nutzt die frühe Ruhe am Bleder See für eine Joggingrunde, während Dominik den Gaskocher testet und Frühstück vorbereitet. Noch ist alles neu: jeder Handgriff, jedes Fach, jede kleine Routine. Wie war das nochmal genau mit dem Bett und wie können wir den Topper bestmöglich zusammenrollen und verstauen? Sogar die Suche nach Ladekabeln und Haferflocken fühlt sich nach Abenteuer an. Es gibt dampfendes Porige, Brötchen mit „Gsälz“ für die schwäbische Hälfte und duftenden Kaffee. Ein Frühstück, das im Bus nicht unbedingt schneller geht als zu Hause – eher im Gegenteil. Bett machen, Kocher aufbauen, Wasser heiß machen, abwaschen, wieder alles verstauen: Im Van dauert alles ein bisschen länger. Noch finden wir das amüsant. Vielleicht, weil wir gerade erst losgefahren sind. Vielleicht auch, weil wir ein Jahr Zeit haben oder uns die Entschleunigung einfach gut tut. Weiter Richtung Osten Nach dem Frühstück starten wir den Motor und fahren weiter durch Slowenien. Die Landschaft ist bergig, saftig grün und eigentlich viel zu schön, um nur durchzufahren. Immer wieder tauchen Orte auf, bei denen man denkt: Hier könnten wir auch bleiben. Aber für den Anfang unserer Reise haben wir uns ein klares Ziel gesetzt: Strecke machen bis nach Georgien. Europa hat unglaublich viel zu bieten. Gleichzeitig ist es für uns vergleichsweise leicht zu bereisen. Deshalb brechen wir hier ausnahmsweise mit einer unserer wichtigsten Reiseregeln: nichts auf „später“ verschieben. In diesem Fall tun wir es trotzdem und verschieben einen längeren Aufenthalt in Slowenien und Kroatien auf nach der Reise. Vor der kroatischen Grenze halten wir noch kurz an und füllen den Diesel aus unserem Reservekanister in den Tank. Auch wenn innerhalb der EU keine großen Kontrollen zu erwarten sind, wollen wir keine unnötigen Diskussionen riskieren. Lieber ein paar Minuten Aufwand als später ein Problem an der Grenze. Zwischenstopp in Vukovar Vukovar liegt ruhig an der Donau, aber es ist keiner dieser Orte, durch die man einfach fährt und nur denkt: hübsche Stadt, netter Platz, weiter. Die Geschichte ist hier sichtbar. Nicht aufdringlich, aber präsent. Der zerbombte Wasserturm steht über der Stadt wie ein Mahnmal, beschossene Häuser erinnern daran, dass Krieg hier nicht abstrakt war, sondern in Fassaden, Straßen und Biografien eingeschrieben ist. Der Wasserturm von Vukovar wurde während der Schlacht um die Stadt mehr als 600-mal getroffen. Heute steht er restauriert da, aber nicht glatt saniert. Die Einschusslöcher sind geblieben. Und genau das ist der Punkt. Vukovar, 1991: 87 Tage Belagerung. Tag und Nacht Beschuss. Eine Stadt, die Stück für Stück in Schutt gelegt wurde — und deren Verteidiger sich dennoch wochenlang hielten. Viele waren Zivilisten, Polizisten und schlecht ausgerüstete kroatische Kämpfer. Waffen gab es zu wenig. Willen nicht. Was nach dem Fall der Stadt in Ovčara geschah, gehört zu den dunkelsten Kapiteln Europas der letzten Jahrzehnte. Nach dem Fall der Stadt wurden mehr als 200 Menschen aus dem Krankenhaus von Vukovar verschleppt und in Ovčara ermordet. Heute ist Vukovar eine Stadt, die sich erinnert – laut, bewusst, ungeschönt. Der Wasserturm ist ihr sichtbarstes Symbol. Aber auch viele Häuser tragen noch Spuren des Krieges. Einschusslöcher in Fassaden. Verlassene Gebäude. Narben, die nicht ganz verschwunden sind. Hier wird Geschichte nicht weggeputzt. Sie wird getragen. Als Mahnmal. Und als leise Frage, wie viel Erinnerung wir brauchen, bevor wir wirklich lernen. Gleichzeitig war der 1. Mai. In der Innenstadt war Feststimmung. Menschen saßen zusammen, es wurde gegessen, geredet, gefeiert. Zwischen Wasserturm, Donau und Häusern mit Einschusslöchern standen Stände mit Essen, Musik und Alltag. Dieser Kontrast war zuerst schwer einzuordnen. Auf der einen Seite die sichtbaren Zeichen der Zerstörung, auf der anderen Seite ein Feiertag, ein Stadtfest, Leben. Wir kauften am ersten Stand eine Wurst und einen Fisch. Zusammen 16 Euro. Das Ergebnis war, vorsichtig formuliert, überschaubar. Am Ende fühlte es sich an, als hätten wir 16 Euro für vier Scheiben Brot bezahlt. Auch das gehört vermutlich zum Reisen: Wir lernen, dass wir nicht gleich die erste Essgelegenheit nutzen sollten. Trotzdem gingen wir nicht bedrückt aus Vukovar heraus. Nachdenklich, ja. Ruhig auch. Aber nicht hoffnungslos. Vielleicht gerade wegen dieses Kontrasts. Weil zwischen den Spuren des Krieges Menschen standen, die ihren freien Tag verbrachten. Weil eine Stadt, die so viel Zerstörung erlebt hat, nicht nur als Ort der Vergangenheit existiert, sondern weiterlebt. Für uns war Vukovar der erste Moment dieser Reise, der mehr war als Route, Stellplatz und schöne Aussicht. Ein Ort, der hängen blieb. Von dort fuhren wir weiter Richtung serbische Grenze bei Šid. Unsere erste EU-Außengrenze (nach der Schweiz) auf dieser Reise. Die Passkontrolle war unkompliziert. Dann warf der Zöllner einen Blick in den Bus und entdeckte unsere Axt. Eine Axt ist auf so einer Reise ein ziemlich praktisches Werkzeug. Für Holz, für Camping, für Situationen, die man sich vorher lieber nicht zu genau ausmalt. An der Grenze wirkt sie allerdings weniger nach Outdoor-Romantik und mehr nach Gesprächsbedarf. Der Zöllner schaute Dominik an und fragte, ob wir außer dieser Axt noch weitere Waffen dabeihätten. Nein. Er fragte noch einmal. Nein. Und dann ein drittes Mal.
