Raus aus Istanbul – durch den Tunnel nach Osten

Raus aus Istanbul

Raus aus Istanbul klingt einfacher, als es ist. Nach zwei Nächten mitten in der Altstadt, auf unserem Parkplatz hinter der Blauen Moschee, fühlen wir uns fast schon routiniert. Beim Losfahren sagen wir noch, wie unkompliziert eigentlich alles war. Parkplatz direkt hinter der Blauen Moschee. Istanbul mit dem Camper? Erstaunlich machbar. Und dann verfahren wir uns natürlich. Statt elegant aus der Stadt zu gleiten, bekommen wir noch eine kleine Zusatzportion Istanbuler Verkehr: viele Spuren, viel Hupen und sehr viele Fahrzeuge, die offenbar alle gleichzeitig irgendwo sehr dringend hinmüssen. Istanbul lässt einen nicht einfach so gehen. Die Stadt hält einen noch einmal kurz fest, schiebt einen in die falsche Spur, wirft ein paar Abzweigungen hinterher und prüft, ob man wirklich bereit ist für den Osten. Irgendwann treffen wir dann endlich den Eingang zum Avrasya Tüneli, dem Eurasien-Tunnel. Er führt unter dem Bosporus hindurch und verbindet die europäische mit der asiatischen Seite Istanbuls. Für uns heißt das vor allem: einmal kurz unter Wasser durch. Und dann sind wir endgültig auf der asiatischen Seite der Türkei. Goatie-Tipp: Eurasien-Tunnel Der „Avrasya Tüneli“ ist eine praktische Möglichkeit, um vom europäischen auf den asiatischen Teil Istanbuls zu kommen, ohne über eine der Brücken fahren zu müssen. Die Maut wird elektronisch abgerechnet, bei uns funktionierte der HGS-Mautsticker problemlos. Trotzdem lohnt es sich, die Route vorab genau zu prüfen – im Istanbuler Verkehr ist eine verpasste Abzweigung schnell eine kleine Stadtrundfahrt. Ab da läuft die Navigation wieder leichter. Istanbul liegt hinter uns, vor uns wird die Straße länger, weiter und ruhiger. Die Stadt verschwindet langsam im Rückspiegel, und mit ihr auch dieses Gefühl, ständig gleichzeitig schauen, reagieren, bremsen und hoffen zu müssen. Wir fahren immer weiter Richtung Osten. Ankara lassen wir links liegen. Auch das wäre sicher einen Stopp wert, aber heute zählt Strecke. Am Ende schaffen wir es bis nach Çorum. Als einzige Gäste haben wir auf dem netten Campingplatz ziemlich viel Platz.  Am Abend wird die Matte ausgepackt und eine kleine Sporteinheit eingelegt. Nach einem langen Fahrtag ist Sport weniger Fitnessprogramm als Reset-Knopf. Die Beine müssen wieder bewegt werden, der Kopf auch. Angelika bekommt von Dominik eine Einführung in die hohe Kunst der Kettlebell Swings. Sagen wir so: Es gibt Verbesserungspotenzial. Aber auch Einsatz. Danach folgt eine kleine Kochsession im Bus. Wer im Camper kocht, lernt schnell: Der Platz ist nicht klein, er ist präzise. Jeder geöffnete Schrank, jeder Topf und jede Bewegung braucht Timing. Wenn einer einen Schrank öffnet, sollte der andere möglichst gerade keinen Kopf, Fuß oder sonstigen Körperteil im Weg haben. Vanlife besteht eben nicht nur aus Sonnenuntergang und Kaffee aus Emailletassen. Manchmal ist es auch Nudeln kochen im Tetris-Modus. Die Nacht ist gut, der Morgen danach gewohnt langsam und gemütlich. Noch läuft nicht alles reibungslos, aber zumindest wissen wir immer öfter, wer gerade wo besser nicht stehen sollte. Heute wartet wieder ein langer Fahrtag. Weiter Richtung Schwarzmeerküste, weiter Richtung Georgien, weiter Richtung Osten. Unterwegs gibt es Simit direkt ans Autofenster. Ein Mann verkauft die türkischen Sesamkringel an der Straße, quasi Lieferservice an der Ampel. Das System ist einfach: Fenster runter, Simit nehmen, schnell genug verstehen, wie viel er dafür will, bezahlen, bevor die Ampel auf Grün schaltet. Gut zu wissen: Simit Simit ist ein ringförmiges Gebäck mit Sesam und ein perfekter Snack für lange Fahrtage. Man bekommt ihn in der Türkei oft in Bäckereien, an Straßenständen oder direkt an vielbefahrenen Kreuzungen. Praktisch, günstig und deutlich unkomplizierter als eine komplette Mittagspause. Wir fahren weiter, fast bis zur georgischen Grenze, in Richtung Rize. Nach Istanbul, Tunnel, Autobahn, Campingplatz und langen Straßen taucht langsam wieder dieses Gefühl auf: Gleich kommt das nächste Land. Die nächste Grenze. Die nächste kleine Unsicherheit. Aber erst einmal brauchen wir einen Platz für die Nacht. Auf iOverlander lesen wir, dass einige Rezensenten den angegebenen Campingplatz nicht gefunden haben. Wir lachen noch. Wie schwer kann das schon sein? Wir haben schließlich Koordinaten. Bis es uns dann genauso geht. Kein Platz in Sicht. Keine klare Einfahrt. Kein Schild, das irgendeine eindeutige Antwort gibt. Und nach einem langen Fahrtag haben wir beide keine große Lust mehr auf eine ausgedehnte Stellplatzsuche. Also gehen wir in ein Restaurant und fragen, ob sie den Campingplatz kennen. „Camping closed, but stay here“, sagt der freundliche Besitzer und legt dabei eine Hand aufs Herz. Bevor wir richtig antworten können, steht schon ein dampfender Tee vor uns. Man kann viel über Gastfreundschaft lesen. Man kann davon hören, sie erwarten, sie romantisieren. Und dann steht man irgendwo nahe der georgischen Grenze, müde von einem langen Fahrtag, leicht genervt von nicht vorhandenen Koordinaten und jemand stellt einem einfach Tee hin und sagt: Bleibt hier. Das ist dann keine Theorie mehr. Goatie-Tipp: Stellplätze über iOverlander & Park4Night Apps wie iOverlander und Park4Night sind für Overlander extrem hilfreich, aber die Angaben sind nicht immer aktuell. Koordinaten können ungenau sein, Plätze geschlossen oder Einfahrten schwer erkennbar. Gerade nach langen Fahrtagen lohnt sich ein Plan B: früher suchen, Bewertungen lesen und bei Unsicherheit Einheimische fragen. Das kleine Restaurant ist liebevoll eingerichtet, warm, gemütlich. Eigentlich wollten wir nur nach dem Weg fragen. Stattdessen entscheiden wir, den Gaskocher kalt zu lassen und die türkischen Spezialitäten zu probieren. Es gibt frisch zubereitetes Essen: Mantı, kleine türkische Teigtaschen mit Joghurtsauce, und eine Art Köfte im Teig. Wir sind nicht ganz sicher, wie das Gericht genau heißt, aber wir sind uns sehr sicher: Es schmeckt. Nach zwei langen Fahrtagen, Istanbul im Rücken und Georgien fast vor der Nase, ist genau das der richtige Abschluss. Satt und zufrieden gehen wir schlafen. Manchmal findet man den gesuchten Campingplatz nicht. Und manchmal ist genau das der Grund, warum man am Ende den besseren Platz findet.

Mit Goatie nach Istanbul

Istanbul

Am Abend stehen wir mit Goatie hinter der Blauen Moschee.  Nicht auf einem idyllischen Stellplatz am See, nicht irgendwo ruhig am Waldrand, sondern mitten im pulsierenden Zentrum Istanbuls. Zwischen Gebetsruf, Verkehr, Katzen und dieser besonderen Mischung aus Chaos und Schönheit, die sofort fesselt. Ein paar Stunden vorher standen wir noch an der bulgarisch-türkischen Grenze und warteten darauf, dass Goatie durch den X-Ray darf. Aber von Vorne: Der Morgen beginnt in Plovdiv noch langsam. Frühstück, Supermarkt, Vorräte auffüllen und weiter Richtung türkische Grenze. Das Wetter ist gut, keine Regenwolke in Sicht und die Stimmung passt dazu. Langsam entsteht so etwas wie ein Rhythmus. Noch nicht perfekt eingespielt, aber immerhin mit einer gewissen Logik. Unterwegs überlegen wir, ob wir uns eigentlich auch filmen sollten wie die ganzen Reise-Influencer. Material gäbe es genug. Manchmal ist das hier nämlich ein ziemliches Kabarett.  Ob die Welt dafür bereit ist, wissen wir allerdings nicht.  Die Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei zieht sich dann etwas. Es ist kein Drama, aber es dauert. Ein Schalter hier, ein kurzer Stopp dort, warten, weiterrollen, wieder warten. Goatie muss zum X-Ray, wir warten noch ein bisschen mehr, und irgendwann fühlt es sich an wie ein kleiner Vorgeschmack auf die Grenzen, die auf dieser Reise noch vor uns liegen. Aber alles bleibt unkompliziert. Ein bisschen hin, ein bisschen her, ein bisschen Geduld und dann sind wir in der Türkei. Es fühlt sich sofort anders an. Neue Sprache, andere Schilder, anderer Rhythmus. Die Reise bekommt eine neue Farbe. Nicht schlagartig, nicht dramatisch, aber spürbar. Goatie-Tipp In der Türkei läuft die Maut über das elektronische HGS-System. Wer mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs ist, sollte sich möglichst direkt nach der Einreise den HGS-Sticker besorgen und Guthaben aufladen. Am Besten gleich beim Post-Office nach der Grenze. Das heutige Ziel: Istanbul. Nicht irgendwo vorsichtig an den Rand. Nicht langsam herantasten. Sondern rein in die pulsierende Altstadt. Am Ende landen wir auf einem Parkplatz hinter der Blauen Moschee. Nicht gerade idyllisch im klassischen Sinne. Kein See, keine Berge, kein stiller Wald. Dafür: Istanbul direkt vor der Tür. Als Nachtlager ziemlich spektakulär. Bevor wir schlafen, gehen wir noch auf eine erste Erkundungstour durch die Stadt. Istanbul empfängt uns laut, lebendig und mit dieser besonderen Mischung aus Chaos und Schönheit, die man schwer beschreiben kann, ohne sofort in große Worte abzurutschen. Menschen, Gerüche, Stimmen, Verkehr, Licht, Katzen, Moscheen, Gassen, Händler, Touristen, Einheimische, Lärm, Ruheinseln. Alles gleichzeitig. Genau richtig für den ersten Abend in der Türkei. Am Abend ruft der Muezzin zum Gebet. Dominik freut sich sichtbar schon darauf, um 4:30 Uhr wieder davon geweckt zu werden. Nicht. Am Ende hört es dann natürlich nur Angelika, die mal wieder früh wach ist. Dominik schläft durch. Auch das ist offenbar Teil unserer Arbeitsteilung. Nach dem Frühstück geht es rein in die Stadt. Istanbul macht es einem nicht schwer, viele Fotos zu machen. Moscheen, Gassen, Katzen, Menschen, Licht, Chaos, schöne Details an jeder Ecke. Eine dieser Städte, in denen man eigentlich nur loslaufen muss und trotzdem ständig stehen bleibt. Wir treiben durch die Altstadt, schauen, fotografieren, lassen uns ein bisschen treiben. Zwischen Blauer Moschee, Hagia Sophia und den kleinen Straßen drumherum spürt man die Stadt am Besten. Es ist keine Stadt, die man mal eben versteht. Schon gar nicht an einem Tag. Aber vielleicht muss man das auch nicht. Für den Anfang reicht es, sich hineinzubegeben, staunend und manchmal leicht überfordert, mit offenen Augen und möglichst viel Geduld. Zurück am Bus folgt dann ein weiterer Meilenstein unserer Reise: die erste kalte Dusche an Goatie. Diesen Frischekick gönnt sich allerdings nur Dominik. Angelika ist dafür doch etwas zu zart besaitet. Neben uns stehen zwei Koreaner mit ihrem eigenen Bus. Natürlich kommt man schnell ins Gespräch. Über Routen, Länder, Autos und all die kleinen Absurditäten, die so eine lange Reise mit sich bringt. Es ist immer wieder schön, Menschen zu treffen, die auf ihre eigene Art in eine ähnliche Richtung unterwegs sind. Am Abend gehen wir noch einmal raus zum Essen. Istanbul liefert auch hier: viel Geschmack, viel Betrieb, viel Stadt. Nach einem vollen Tag fallen wir irgendwann müde zurück in unser kleines Nachtlager hinter der Blauen Moschee. Es war kein ruhiger Einstieg in die Türkei. Kein langsames Ankommen, kein vorsichtiges Herantasten. Istanbul hat die Tür aufgerissen, uns hineingezogen und erst spät am Abend wieder ausgespuckt – müde, satt und ziemlich beeindruckt. Definitiv einer dieser Orte, die wir nicht so schnell vergessen werden.

Vorbei an Belgrad, rein in die Ruhe

Manasija Monastery, Serbia

Der Morgen in Zasavica beginnt langsam. Frühstück im Bus, Kaffee, ein bisschen Ordnung machen. Nach den ersten Tagen unterwegs ist die neue Routine noch keine richtige Routine, eher ein tägliches Neuverhandeln. Wo ist der Kaffee? Wo sind die Haferflocken? Und die kleinen Löffel? Warum liegt das Ladekabel schon wieder nicht dort, wo es gestern noch ganz sicher war? Bevor es weitergeht, fahren wir noch einkaufen. Vorräte auffüllen, Kühlschrank sortieren, Wasser checken. Kleine Dinge, die früher nebenbei passiert sind, bekommen unterwegs plötzlich mehr Gewicht. Einkaufen ist nicht nur Einkaufen. Es ist Planung für die nächsten Tage, für unbekannte Schlafplätze, für lange Strecken und für den Fall, dass der nächste Laden doch nicht ganz das hat, was man sich vorgestellt hatte. Eigentlich wollten wir in Belgrad stehen bleiben. Ein bisschen Hauptstadt, ein bisschen Stadtleben, vielleicht Kaffee, vielleicht Altstadt, vielleicht Donau. Aber als wir näherkommen, merken wir schnell: Heute zieht es uns nicht in den Trubel. Manchmal entscheidet nicht der Reiseführer, sondern das Bauchgefühl. Also fahren wir vorbei an Belgrad. Unser Ziel wird das Kloster Manasija. Schon von außen wirkt Manasija weniger wie ein stilles Kloster, sondern eher wie eine Festung. Massive Mauern, hohe Türme, ein geschützter Innenhof. Ein Ort, der nicht nur gebaut wurde, um schön zu sein, sondern um zu bestehen. Gegründet wurde das Kloster Anfang des 15. Jahrhunderts von Despot Stefan Lazarević. Es war Kloster, Schutzraum und geistiges Zentrum zugleich. Ein Ort, an dem gebetet, geschrieben und bewahrt wurde. Vielleicht spürt man genau das noch heute. Diese Mischung aus Wehrhaftigkeit und Stille.  Direkt im Innenhof wirkt Manasija ruhig und schön. Ein Kloster eben, mit Kirche, Mauern, Steinen, Schatten. Beeindruckend, ja, aber die eigentliche Wirkung entfaltet sich erst von oben. Also schicken wir die Drohne hoch.   Und plötzlich versteht man den Ort besser. Von oben sieht man die gewaltige Form der Anlage, die Mauern, die Türme, den geschlossenen Innenraum, eingebettet in die grüne Landschaft. Aus der Perspektive wird klar, warum Manasija nicht nur ein religiöser Ort war, sondern auch Schutzraum.  Manchmal braucht es eben Abstand, um einen Ort richtig zu sehen. Danach fahren wir weiter zum Camp Plum. Ein kleiner Stellplatz in der Nähe der Autobahn. Nichts spektakuläres, keine dramatische Aussicht, sondern etwas, das unterwegs mindestens genauso wertvoll ist: unkomplizierte Gastfreundschaft. Ein sehr netter Eigentümer, ein paar Euro, ein ruhiger Platz für die Nacht. Fertig. Manchmal braucht es nicht mehr. Keine große Verhandlung, kein Formular, kein Campingplatztheater. Einfach ankommen, freundlich empfangen werden, Goatie abstellen, schlafen. Nach Tagen des Losfahrens, Sortierens und Weiterkommens ist genau das Luxus. Am nächsten Morgen geht es bei weiterhin strahlendem Sonnenschein weiter Richtung Bulgarien. Zurück in die EU. Wir fahren vorbei an Niš, obwohl die Stadt sicher einiges zu bieten hätte. Aber heute sind wir wieder im Weiterfahrmodus. Und das ist eine der ersten Lektionen einer längeren Reise: Nicht jeder interessante Ort kann ein Stopp werden. So einfach das klingt, so schwer ist es manchmal. Überall gibt es Geschichte, Landschaft, Städte, Bauten, Märkte, Menschen, Abzweigungen. Wenn man jedem Impuls folgt, kommt man nie weiter. Wenn man an allem vorbeifährt, verpasst man zu viel. Dazwischen liegt diese seltsame Kunst des Reisens: auswählen, ohne ständig das Gefühl zu haben, etwas falsch zu machen. An der Grenze läuft alles unkompliziert. Die serbischen Grenzbeamten sind nett, so nett Grenzbeamte eben sein können. Auf bulgarischer Seite wartet ein etwas grimmiger Zöllner. Aber immerhin keine Fragen zu Axt, Waffen oder sonstigen Überraschungen im Bus.   Dann sind wir in Bulgarien. Unser Ziel ist Plovdiv. Die Stadt gilt als eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte Europas. Schon lange vor den Römern lebten hier Menschen. Später wurde Plovdiv als Philippopolis Teil des Römischen Reichs. Heute liegen zwischen Altstadtgassen, bunten Häusern und Cafés immer wieder antike Spuren offen herum. So nehmen wir also ein Taxi in die Altstadt und laufen los. Durch alte Gassen, vorbei an Häusern mit vorspringenden Obergeschossen, über Kopfsteinpflaster, das etwas Vorsicht beim Laufen verlangt. Irgendwann stehen wir im Römischen Theater. Es stammt aus dem 1. Jahrhundert und gehört zu den bekanntesten antiken Bauwerken Bulgariens. Und wie so oft an solchen Orten ist es nicht nur das Bauwerk selbst, das beeindruckt, sondern der Gedanke daran, wie viele Menschen hier vor uns gesessen, geschaut, gesprochen, gelacht oder geschwiegen haben. Plovdiv wirkt dabei nicht wie ein Ort, der sich nur über seine Vergangenheit definiert. Die Stadt lebt. Es gibt Cafés, Restaurants, Straßenmusik, junge Menschen, alte Steine, moderne Schilder, bröckelnde Fassaden und schöne Details an jeder Ecke. Eine Stadt, in der man nicht alles verstehen muss, um sich gern treiben zu lassen. Den Abend lassen wir bei gutem Essen ausklingen. Wir hatten Belgrad ausgelassen und trotzdem nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Vielleicht war genau das die eigentliche Lektion dieses Abschnitts. Nicht jeder große Name auf der Karte muss automatisch ein Ziel sein. Manchmal liegt die bessere Geschichte nicht dort, wo die Buchstaben am größten sind, sondern an einem ruhigen Kloster, auf einem einfachen Campingplatz oder in einer Stadt, die ihre Geschichte einfach mitten im Alltag stehen lässt.   Die Reise wird dadurch nicht kleiner.   Nur individueller.

Die ersten Kilometer: Von Feldkirch bis nach Serbien

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Die ersten Kilometer einer langen Reise sind seltsam. Man plant monatelang, packt, organisiert, verabschiedet sich, überlegt Routen, Versicherungen, Visa und Ersatzteile. Und dann sitzt man tatsächlich im Auto, das Navi läuft, irgendwo klappert noch eine Box, und die erste große Entscheidung lautet nicht China, Pamir oder Seidenstraße, sondern: Ungarn oder Slowenien? Wir entschieden uns für Slowenien. Nach der Wohnungsübergabe in Feldkirch, einem letzten Abschied und diesem eigenartigen Gefühl, dass jetzt wirklich nichts mehr zwischen uns und der Reise stand, rollte Goatie los. Vollgepackt, vielleicht ein bisschen zu voll, aber bereit. Oder zumindest so bereit, wie man eben sein kann, wenn man für ein Jahr unterwegs sein will und trotzdem schon nach wenigen Kilometern nicht mehr genau weiß, wo eigentlich der Kaffee liegt. Bled war unser erstes Ziel. Noch nicht weit weg, noch nicht fremd, noch nicht abenteuerlich im klassischen Sinn. Aber genau richtig für den Anfang. Eine Nacht am See, Berge im Hintergrund, ein Ort, der fast zu schön ist, um ihn einfach nur als ersten Zwischenstopp abzuhaken. Der erste richtige Morgen im Bus beginnt überraschend geordnet. Zumindest für unsere Verhältnisse. Angelika nutzt die frühe Ruhe am Bleder See für eine Joggingrunde, während Dominik den Gaskocher testet und Frühstück vorbereitet. Noch ist alles neu: jeder Handgriff, jedes Fach, jede kleine Routine. Wie war das nochmal genau mit dem Bett und wie können wir den Topper bestmöglich zusammenrollen und verstauen? Sogar die Suche nach Ladekabeln und Haferflocken fühlt sich nach Abenteuer an. Es gibt dampfendes Porige, Brötchen mit „Gsälz“ für die schwäbische Hälfte und duftenden Kaffee. Ein Frühstück, das im Bus nicht unbedingt schneller geht als zu Hause – eher im Gegenteil. Bett machen, Kocher aufbauen, Wasser heiß machen, abwaschen, wieder alles verstauen: Im Van dauert alles ein bisschen länger. Noch finden wir das amüsant. Vielleicht, weil wir gerade erst losgefahren sind. Vielleicht auch, weil wir ein Jahr Zeit haben oder uns die Entschleunigung einfach gut tut. Weiter Richtung Osten Nach dem Frühstück starten wir den Motor und fahren weiter durch Slowenien. Die Landschaft ist bergig, saftig grün und eigentlich viel zu schön, um nur durchzufahren. Immer wieder tauchen Orte auf, bei denen man denkt: Hier könnten wir auch bleiben. Aber für den Anfang unserer Reise haben wir uns ein klares Ziel gesetzt: Strecke machen bis nach Georgien. Europa hat unglaublich viel zu bieten. Gleichzeitig ist es für uns vergleichsweise leicht zu bereisen. Deshalb brechen wir hier ausnahmsweise mit einer unserer wichtigsten Reiseregeln: nichts auf „später“ verschieben. In diesem Fall tun wir es trotzdem und verschieben einen längeren Aufenthalt in Slowenien und Kroatien auf nach der Reise. Vor der kroatischen Grenze halten wir noch kurz an und füllen den Diesel aus unserem Reservekanister in den Tank. Auch wenn innerhalb der EU keine großen Kontrollen zu erwarten sind, wollen wir keine unnötigen Diskussionen riskieren. Lieber ein paar Minuten Aufwand als später ein Problem an der Grenze. Zwischenstopp in Vukovar Vukovar liegt ruhig an der Donau, aber es ist keiner dieser Orte, durch die man einfach fährt und nur denkt: hübsche Stadt, netter Platz, weiter. Die Geschichte ist hier sichtbar. Nicht aufdringlich, aber präsent. Der zerbombte Wasserturm steht über der Stadt wie ein Mahnmal, beschossene Häuser erinnern daran, dass Krieg hier nicht abstrakt war, sondern in Fassaden, Straßen und Biografien eingeschrieben ist. Der Wasserturm von Vukovar wurde während der Schlacht um die Stadt mehr als 600-mal getroffen. Heute steht er restauriert da, aber nicht glatt saniert. Die Einschusslöcher sind geblieben. Und genau das ist der Punkt. Vukovar, 1991: 87 Tage Belagerung. Tag und Nacht Beschuss. Eine Stadt, die Stück für Stück in Schutt gelegt wurde — und deren Verteidiger sich dennoch wochenlang hielten. Viele waren Zivilisten, Polizisten und schlecht ausgerüstete kroatische Kämpfer. Waffen gab es zu wenig. Willen nicht. Was nach dem Fall der Stadt in Ovčara geschah, gehört zu den dunkelsten Kapiteln Europas der letzten Jahrzehnte. Nach dem Fall der Stadt wurden mehr als 200 Menschen aus dem Krankenhaus von Vukovar verschleppt und in Ovčara ermordet. Heute ist Vukovar eine Stadt, die sich erinnert – laut, bewusst, ungeschönt. Der Wasserturm ist ihr sichtbarstes Symbol. Aber auch viele Häuser tragen noch Spuren des Krieges. Einschusslöcher in Fassaden. Verlassene Gebäude. Narben, die nicht ganz verschwunden sind. Hier wird Geschichte nicht weggeputzt. Sie wird getragen. Als Mahnmal. Und als leise Frage, wie viel Erinnerung wir brauchen, bevor wir wirklich lernen. Gleichzeitig war der 1. Mai. In der Innenstadt war Feststimmung. Menschen saßen zusammen, es wurde gegessen, geredet, gefeiert. Zwischen Wasserturm, Donau und Häusern mit Einschusslöchern standen Stände mit Essen, Musik und Alltag. Dieser Kontrast war zuerst schwer einzuordnen. Auf der einen Seite die sichtbaren Zeichen der Zerstörung, auf der anderen Seite ein Feiertag, ein Stadtfest, Leben. Wir kauften am ersten Stand eine Wurst und einen Fisch. Zusammen 16 Euro. Das Ergebnis war, vorsichtig formuliert, überschaubar. Am Ende fühlte es sich an, als hätten wir 16 Euro für vier Scheiben Brot bezahlt. Auch das gehört vermutlich zum Reisen: Wir lernen, dass wir nicht gleich die erste Essgelegenheit nutzen sollten. Trotzdem gingen wir nicht bedrückt aus Vukovar heraus. Nachdenklich, ja. Ruhig auch. Aber nicht hoffnungslos. Vielleicht gerade wegen dieses Kontrasts. Weil zwischen den Spuren des Krieges Menschen standen, die ihren freien Tag verbrachten. Weil eine Stadt, die so viel Zerstörung erlebt hat, nicht nur als Ort der Vergangenheit existiert, sondern weiterlebt. Für uns war Vukovar der erste Moment dieser Reise, der mehr war als Route, Stellplatz und schöne Aussicht. Ein Ort, der hängen blieb. Von dort fuhren wir weiter Richtung serbische Grenze bei Šid. Unsere erste EU-Außengrenze (nach der Schweiz) auf dieser Reise. Die Passkontrolle war unkompliziert. Dann warf der Zöllner einen Blick in den Bus und entdeckte unsere Axt. Eine Axt ist auf so einer Reise ein ziemlich praktisches Werkzeug. Für Holz, für Camping, für Situationen, die man sich vorher lieber nicht zu genau ausmalt. An der Grenze wirkt sie allerdings weniger nach Outdoor-Romantik und mehr nach Gesprächsbedarf. Der Zöllner schaute Dominik an und fragte, ob wir außer dieser Axt noch weitere Waffen dabeihätten. Nein. Er fragte noch einmal. Nein. Und dann ein drittes Mal.